Der Übergang in (m)ein neues Leben

Es gibt einige Situationen im Leben, die einen verändern. Die das eigene Leben verändern, die dafür sorgen, dass das Leben nicht mehr so ist wie vorher – und es nie wieder sein wird.
Man wird nochmal geboren. Wobei nein, man wird weitergeboren! Einen Schritt weiter.
Wenn ich an mein Leben ohne Kind zurückdenke, muss ich die Stirn runzeln, weil ich so intensiv nachdenken muss, es scheint alles so unwirklich gewesen zu sein. Dabei ist das keine zwei Jahre her.
Der Tod eines Menschen kann das eigene Leben für immer verändern, auch ein Neuanfang in einer anderen Stadt oder einem anderen Land. Es gibt so viele Situationen.

Meine Erste Situation habe ich erlebt, als ich eines Morgens mit geplatzter Fruchtblase ohne Wehen ins Krankenhaus gefahren bin und dort so lange herumlag, bis es nur noch wenige Minuten waren. Wenige Minuten, bevor mein neues Leben beginnen sollte.
Das hier ist kein Geburtsbericht, den gibt es nämlich schon. Jetzt schreibe ich nur, was ich gefühlt – und gedacht habe, als mein neues Leben begann.
Um 23:50 Uhr habe ich meiner Mutter und dem werdenden Papa, die beide vor dem Kreißsaal wie auf Kohlen saßen, die letzte SMS als ”Nicht Mutter” geschickt.
Dann ging es los. Die ganzen letzten Minuten habe ich gedacht ”Ok. Gleich hälst du dein Baby im Arm. Jetzt noch nicht, aber gleich. GLEICH. ES IST GLEICH SOWEIT. GLEICH HABE ICH EIN BABY! EIN EIGENES BABY, GLEICH BIN ICH EINE MAMA.”
Und dann ging alles so schnell, ich habe mich mit der Hebamme unterhalten, ein bisschen die Wand angeschaut, ein bisschen hier und da herumgeschaut und dann wurde mir mein Wurm auf die Brust gelegt.
Aha, okay cool, danke. Was macht denn die Hebamme jetzt eigentlich…Moment mal…Was?! Das ist mein Kind?! Sie hat mir MEIN Baby auf die Brust gelegt? Es ist da! Es ist auf der Welt, ich bin jetzt eine Mama!
Was mache ich denn jetzt?
Was ist denn jetzt meine Aufgabe?
Muss ich es füttern? Was will es? Soll ich ihm ne Pizza bestellen?
WAS MACHE ICH DENN JETZT?
Ich war doch überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass man mir jetzt ein Baby überreicht!
Ich war schwanger? Wirklich? Aber wieso sagt mir denn niemand, dass ich am Ende ein Baby im Arm halte? Ich weiß doch gar nicht, was ich jetzt tun muss, damit es am Leben bleibt!

Er schaut mich an. Er hat seine komplette Hand im Mund und schaut mich einfach nur an. Das ist mein Baby? Es ist so unwirklich.
Was isst ein Baby? Nein! Es isst nicht, es trinkt! Milch! Brust! Stillen! Man stillt ein Baby, gut, dass ich mir das gemerkt habe. Wie mache ich das? Hallo? Kann ich meinen Sohn mal bitte stillen, kann mir jemand helfen? Sonst verhungert er!

Es ist nach 1 Uhr nachts, ich muss schlafen, ich bin so müde. Ich möchte einfach nur lange, lange ausschlafen, es war so anstrengend. Oh. Das wird jetzt nicht mehr gehen. Jetzt, wo ich es am meisten brauche, geht es nicht mehr.
Wie oft muss ich nachts aufstehen, damit er am nächsten Morgen noch lebt?
Darf ich überhaupt schlafen?
Was ist, wenn ihm etwas passiert?
Er sieht so klein und zerbrechlich aus.
Ich weiß nicht mal, wie ich ihn wickeln muss!
Geht er kaputt, wenn ich ihn ablege?
Wie oft muss ich ihn stillen? Wann ist er satt?
Braucht er jetzt eine neue Windel? Nein? Und jetzt? Jetzt? JETZT?
Was passiert denn gerade? Ich weiß nicht, was ich tun soll!
Das Wesen da ist plötzlich mein Baby, kann das mal jemand zurück in meinen Bauch tun? Da war die Verantwortung nicht so groß! Ich bin verzweifelt! Und müde.
Ich möchte schlafen. Er ist jetzt eine Stunde alt. Das reicht mir, er kann zurück in den Bauch!
Bin ich eine schlechte Mutter?
Ich habe bei der Geburt gar nicht geweint, weder vor Freude – noch vor Schmerzen. Ist das normal? Liebe ich mein Kind nicht? Nehme ich es nicht an? Was passiert mit mir?

Ich weiß nicht, was hier gerade abgeht. Da liegt ein Baby und schläft friedlich neben meinem Bett.
Warum liegt es hier?
Achja, es ist ja meins. Aber es sieht nicht aus wie ich!
Es ist alles so komisch.
So neu.
Ich brauche jetzt ganz viel Schlaf, das weiß ich.
Und ich weiß, dass ich jetzt ein neues Leben habe.

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Wer seine Gedanken während der Geburt hier veröffentlichen möchte, kann mir den Beitrag gerne per Mail schicken! info@mariebloggt.de

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