Warum es sich nicht lohnt, das Handtuch zu werfen

Eigentlich müsste ich mir erst Gedanken machen, was ich jetzt schreiben sollte. Aber sobald ich anfange, mir Gedanken zu machen, habe ich ein riesen Chaos in meinem Kopf und komme durcheinander. Daher schreibe ich einfach drauf los.

Ich habe ganz viele Entwicklungen durchgemacht in den letzten Jahren, seit ich nicht mehr zur Schule gehe. Man könnte sagen, in der Schule war ich eine andere Person, als jetzt. Verschlossen, nicht besonders viel Selbstbewusstsein, schüchtern, unsichtbar.
Ich hatte eine Hand voll Freunde, viele Hobbys und war froh, wenn ich zu Hause irgendwann am Ende des Tages meine Ruhe hatte.
Seit ungefähr 6 Jahren gehe ich nicht mehr zur Schule und habe unglaublich viele Erfahrungen gemacht.
Innerhalb dieser 6 Jahre habe ich verschiedene Praktika gemacht, Nebenjobs gehabt, ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert, in einem Unternehmen gearbeitet, bin unheimlich viel verreist, habe eine kurze Zeit studiert und ein Kind bekommen.

Ich bin stolz auf mich, dass ich so viele verschiedene Erfahrungen gemacht habe. Ich habe sehr viele Menschen kennengelernt, habe mehr als eine Hand voll Freunde, ich habe ein riesen Selbstbewusstsein bekommen, kommuniziere, als hätte ich nie etwas anderes getan.
Mein Leben begann für mich, seit ich nicht mehr zur Schule gehe. Ich lebe also seit 6 Jahren.

Man könnte meinen, ich wäre immer glücklich, mit einer eigenen Wohnung, einem Sohn, Freunde, die immer ansprechbar – und da sind für mich, einer großen Familie.
Weil ich stark bin. Weil ich sehr, sehr viel aushalte, sehr, sehr viel gebe und bisher alles ohne (schwerwiegende) Probleme gemeistert habe.
So sieht es aus. Für Außenstehende, für meine Familie und meine Freunde.
Aber ich zeige gerne Schwäche.
Es ist nicht so, dass ich beweisen will, dass ich nicht schwach bin, dass ich vielleicht auch etwas nicht schaffen könnte. Es ist so, dass ich, sobald ich merke, dass ich schwach werde, genau das in Angriff nehme, um es zu schaffen. Für mich selbst, mein Wohlbefinden, für meinen Sohn, für meinen Partner. Damit es uns allen zusammen gut geht.

Ich bin oft schwach und hilflos, ich kann oft nicht mehr.
Manchmal stimmen meine Bedürfnisse nicht mit denen meines Sohnes überein.
Denn so leben wir hier: Bedürfnisorientiert.
Nicht “Die Mutter gibt sich für das Kind auf“ und auch nicht “Das Kind muss alles machen, was die Mutter sagt“.
Sondern bedürfnisorientiert. Ich gehe auf die Bedürfnisse meines Sohnes ein und lebe ihm somit vor, auch auf andererleuts Bedürfnisse einzugehen.
Ohne Zwang, Bestrafungen, “Du darfst nicht, sonst…“, “Das macht MAN nicht“ (ich weiß bis heute nicht, wer dieser MAN ist, aber ich nehme an, es ist die Gesellschaft. Die Gesellschaft macht das nicht. Die will das so nicht sehen. Ist mir egal.)
Mein Kind darf es, solange es keinen Grund gibt, den ich ihm nicht richtig erklären kann.

Wenn mein Sohn unbedingt jetzt sofort spielen will, ich aber dringend etwas essen muss, dann esse ich zuerst. Dieses Bedürfnis geht vor.
Wenn mein Sohn mit mir kuscheln möchte, ich aber gerade Haushalt mache, hat sein Bedürfnis Vorrang und es wird gekuschelt. Muss man situationsabhängig, feinfühlig abwägen.
Mein Sohn ist mein Glücksbringer. Weil er so süß und klein ist und mein Herz aufgeht, wenn ich sehe, wie toll er sich entwickelt und realisiere, dass es MEIN Kind ist.
Dieser kleine Glücksbringer braucht aber ganz viel Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Essen, Trinken, Liebe, Schlaf und alles, was ich sonst noch zur Verfügung stellen kann.
Das kann ganz schön nervenauftreibend, anstrengend, kräftezerrend sein und mich an meine Grenzen bringen.
Nicht immer, aber das passiert auch mal. Ich bin ja nur ein Mensch und keine Maschine, die permanent funktioniert.
Wenn mein kleiner Glücksbringer wegen Übermüdung nicht mehr aufhört zu weinen, könnte ich manchmal an die Decke gehen.
Wer mag schon lautes, langes Weinen und Kreischen?
Was mich wieder runter bringt, ist zu wissen, dass sich manche Eltern wünschen würden, wenn ihre Kinder stundenlang weinen. Eltern, die ihre kleinen Mäuse verloren haben. Was würden die dafür geben, zu erleben, was andere Eltern auf die Palme bringt.

Ein Kleinkind ist nunmal anstrengend. Das kann niemand leugnen. Es ist so. Aber ich habe es immer bei mir und weiß, dass das anstrengende Alter vorbei geht. Jeden Tag kommen wir dem einen Schritt näher, dass er selbstständiger wird.
Ich genieße jede Sekunde mit ihm, dennoch genieße ich auch jede Sekunde, die ich alleine habe. Wir nerven uns doch alle mal. Manchmal will man seine Ruhe vor dem eigenen Partner, der Familie und eben auch dem Kind. Manchmal möchte man Zeit mit dem Partner, ohne dem Kind. Manchmal möchte man Zeit mit der Familie, ohne Partner.
Manchmal möchte man alles auf einmal.
Beziehungen pflegen. Zu Freunden, Familie, Partner, dem Kind, aber eben auch mal jeweils einzeln und alleine.
Wenn man sich entschieden hat, ein Kind zu bekommen, bedeutet das nicht, sich und seine Bedürfnisse aufzugeben. Seine Partnerschaft aufzugeben. Freunden, die man vielleicht nur abends sehen kann, permanent abzusagen, weil man das Kind nicht mitnehmen kann.
Es gibt immer Wege und Lösungen. Immer. Und man liebt sein Kind immer. Auch, wenn man Zeit für sich selbst möchte, auch wenn man Zeit nur mit dem Partner möchte.
Man liebt auch seinen Partner immer, auch wenn der mal unmotiviert ist, wenn man Zeit ohne ihn will. Das alles, wie man sein eigenes Bedürfnis pflegt, hat nichts mit dem Herzen zutun, wenn man liebt.

Ich habe sehr oft keine Energie, Motivation oder Ausdauer mehr.
Aber wem hilft es, wenn ich dem nachgebe? Ich würde mich festbeißen und vielleicht nicht mehr herausfinden.
Warum schreibe ich so offen darüber? Weil es nichts Schlimmes ist.
Weil es jedem Anderen manchmal genauso geht. Manchmal geht es einem ganz lange so, manchmal ist das aber auch schnell wieder vorbei.
Deshalb ist das etwas ganz normales, ein ganz normales Gefühl, ein ganz normales “Mit den Kräften am Ende sein“.
Nur, wer sich genau das eingesteht, dass auch das mal passieren kann, lebt. Wenn man es unterdrückt, nicht zugibt, versucht, perfekt zu sein, ist innerlich sicher nicht erfüllt.
Ich bin manchmal ganz stark überfordert. Weil dann mein Bedürfnis, einfach nur ein eigener, unabhängiger Mensch zu sein, überwiegt. Dann will ich nicht mehr. Dann ist eine Grenze erreicht und ich könnte auf der Stelle das Handtuch werfen. Und zwar ganz weit weg.
Ich stelle alles infrage, halte mich für eine beschissene Mutter, weil ich nicht vierundzwanzig Stunden am Tag hochmotiviert und dauerbespaßend durch die Gegend hüpfen kann, permanent lachen kann, mich das zehnte Mal in Folge darüber freuen kann, wenn mein Sohn etwas Tolles macht. Denn das tut er. Er macht ganz tolle Dinge, die ständig mein Herz erfüllen.
Auch wenn ich meine Grenze erreicht habe.

Eine Grenze zu erreichen, überfordert zu sein, bedeutet, keine Kapazität mehr zu haben, keinen Aufwand mehr zu betreiben oder etwas zu tun, was aktuell nicht seinem eigenen Bedürfnis entspricht. Es bedeutet nicht, aufzugeben. Wenn man aufgibt, wirft man das Handtuch und geht. Und wie ich oben geschrieben habe “Dann ist eine Grenze erreicht und ich könnte auf der Stelle das Handtuch werfen.“ Ja, auch ich denke das manchmal.
Wichtig ist dann, zur Ruhe zu kommen.
Zeit zu haben, dieses Chaos wieder ordnen zu können.
Denn wir werfen nicht einfach das Handtuch, was unser Leben ist. Das wirft man nicht einfach weg. Denn was haben wir dann? Wahrscheinlich erstmal nicht viel.
Ist es das wert?
Oder ist das, was wir haben, das, was wir uns aufgebaut haben, mehr wert?
Die Mühe wert, auch in schlimmen Zeiten an unser Herz zu glauben und uns daran zu erinnern, WIESO wir hier stehen.
Weil wir uns so entschieden haben.
Weil wir es wollten.
Weil wir dieses Leben in guten Phasen sehr, sehr lieben. Und in schlechten Phasen kein Bock mehr auf nichts haben. So ist das. Bei mir und bei Dir. Und das ist gut so.

Das Leben ist nicht einseitig. Man könnte meinen, ein Leben ist einseitig, wenn ein Mensch die Schule beendet, einen Beruf lernt und den Rest seines Lebens die selbe Arbeitsstelle hat.
Aber – und darauf möchte ich hinaus – es geht mir nicht um das, womit wir unseren Tag verbringen.
Es geht mir um das Innere. Unser Herz, unsere Gefühle, unsere Emotionen, unsere Gedanken. DAS ist nicht einseitig und prägt unser Leben. Darauf baut es sich auf. Darauf, was wir in uns haben an Emotionen.
Denn auch ein Mensch, der seit zwanzig Jahren den selben Beruf Tag für Tag ausübt, hat kein einseitiges Leben, wenn er, wie wir alle, Phasen durchlebt, in denen er zu Tode betrübt ist, oder so glücklich, dass er auf Wolken zur Arbeit schwebt.
Wir kennen das ALLE!
Niemand ist damit allein.
Und trotzdem fühlen wir uns oft furchtbar allein, nicht wahr?
Weil leider niemand in unseren Kopf schauen – und unsere Gefühle ändern kann, um uns aus dieser Phase zu befreien.
Das tun wir ganz alleine, wir befreien uns von ganz allein, indem wir Hoffnung haben. Licht zwischen dem ganzen Nebel sehen, daran glauben.

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Das ganze Leben besteht also aus Überforderung, aus Antriebslosigkeit, aus Hoffnungslosigkeit, aus Phasen fehlender Motivation, die uns verleiten, uns für einen Versager zu halten.
Das Leben besteht aus Wut, auf uns selbst und auf Andere, aus Trauer, aus Trennungen, aus Kummer.
Wir verschließen uns, weil wir nicht mehr wollen.
Wir machen einfach zu.
Keine Lust mehr.
Komplett überfordert.
Zu viel Alltag, zu viel Arbeit, zu viel Erwartungen. Erwartungen an uns selbst und von anderen. Von den Erwartungen enttäuscht, jedoch die Enttäuschung erwartet.
Wir können nicht mehr.
Es ist alles zu viel.
Ist das MEIN Leben?
Wollte ich das je so, wenn ich nun nicht mehr kann? Natürlich kann man nicht glauben, dass der Weg richtig war. Nicht, wenn man an seiner Grenze ist. Dann ist alles falsch, was man je getan hat. Dann ist man selbst falsch. Falsch und alleine und niemand versteht einen. Niemand versucht, einen zu verstehen.
Niemand kümmert sich um Dich, weil alle anderen klarkommen und alles auf die Reihe bekommen, während Du selbst eingehst.

Ein Teufelskreis. Die Anderen kriegen alles hin, während man selbst anscheinend versagt. Niemandem fällt auf, dass diese Phase, die man gerade erlebt, für jemand Anderen aktuell eine ganz tolle, erfolgreiche Phase ist, die aber auch umschlägt und auch die Person plötzlich nicht mehr kann, wenn DEINE Kraft wieder da ist und Du voll durchstartest.
Dann bist Du der, der anscheinend alles super schafft, während der Andere glaubt, aufgeben zu müssen.
JEDER hat Phasen.
Gute und Schlechte.
Wenn Du eine schlechte Zeit hast, hat jemand anderes gerade eine sehr gute Zeit. Und umgekehrt. Vergiss das nicht.
Das Leben kann megamäßig beschissen sein.
Für jeden.
Aber so hoffnungslos wir uns fühlen, während wir aufgeben, hat bereits ganz tief innen wieder etwas Neues begonnen.
Wir erinnern uns.
Es muss nur etwas vertrautes passieren und wir freuen uns, lachen und erinnern uns. Und dann ist sie wieder da. Die schöne Seite des Lebens. Wir haben sie einfach aus unserem Herzen geholt.

Wie beschreibe ich die schöne Seite des Lebens? Ganz einfach. Ich erinnere mich kurz, was ich in der letzten Zeit, wenn es manchmal auch nur Tage oder Wochen waren, erlebt habe.
Die schöne Seite besteht aus Höhen, in denen man wunschlos glücklich ist, aus wochenlanger Motivation, aus plötzlicher Energie, woher die auch immer kommen mag, aus langanhaltender Ausdauer, dass das Leben perfekt erscheint, weil man alles ohne viel Aufwand schafft.
Außerdem besteht die schöne Seite des Lebens aus ganz viel Spaß, stundenlangem Lachen, aus Zeit und aus Liebe. Zu wissen, man wird gebraucht, zu spüren, dass es ein Kind gibt, das zu mir hoch schaut, von mir lernt.

Das alles sind wunderschöne Dinge, die wir während der schönen Seite des Lebens erleben, die sich wiederholen.
Und das ist das Wichtige, dass man genau daran glaubt, sich daran festhält: Sie wiederholen sich. Immer und immer wieder.
Mal variiert die Länge der Phasen, aber sie kommen immer wieder.

Das ist LEBEN.
Diese Dinge halten uns aufrecht, geben uns Hoffnung, geben Kraft, weiterzumachen und optimistisch zu bleiben.
Bestärken uns, dass es richtig ist.
Das WIR richtig sind, das unser Leben richtig ist.
Das wir in die richtige Richtung gehen und alle Steine und Hindernisse mal ganz einfach zur Seite schieben können, sie aber auch mal zu zweit anpacken – und aus dem Weg räumen müssen.
Damit unser nebliger Weg wieder frei ist und wir weitergehen können.

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