Eine Geburt im Geburtshaus

(Von Julia H.)

Niemals hätte ich gedacht, dass ich mich gerne an eine Geburt zurück erinnern würde. Niemals hätte ich gedacht, dass ich eine Geburt als wunderschön bezeichnen würde. Und niemals hätte ich gedacht, dass ich eine Geburt ohne Schmerzmittel, ausschließlich durch das Vertrauen in mich und meinen Körper schaffen würde.
Mit diesem Geburtsbericht möchte ich anderen Frauen Mut machen!
Eine Geburt ist etwas tolles und unser Körper weiß genau, was zu tun ist. Nach der Geburt meiner ersten Tochter hätte ich mir für diese Aussage selbst einen Vogel gezeigt.
Vertraut in euch selbst und lasst die Angst los, die euch unsere Gesellschaft aufdrückt.
Es gibt sehr gute Bücher zum Thema “Hypnobirthing“!

 

Mein Geburtsbericht:

„Ich muss gut essen, vielleicht ist das die letzte warme Mahlzeit, bevor das Baby kommt“ sage ich scherzhaft zu meinen Eltern. Sofia und ich sind dort zum Abendessen eingeladen. Mein Mann ist noch etwas angeschlagen zu Hause geblieben.
Nach dem Essen spielt Sofia mit meiner Schwester und meinem Stiefvater. Ich fahre mit meiner Mama Süßigkeiten kaufen, weil sie keine mehr hat und ich sooo Lust darauf habe. Als wir zurück kommen, machen wir es uns alle auf dem Sofa gemütlich und schauen Fotos an.

Es ist ca. 19 Uhr, als ich eine Wehe bekomme, die so im Unterleib drückt, dass ich aufstehen muss. Bestimmt nichts ernstes. Das ganze geht im 20 Minuten-Takt so weiter, bis ich schließlich entscheide, dass Sofia und ich jetzt nach Hause fahren, damit ich diese Wehen möglichst nicht im Auto habe, denn da kann ich ja nicht aufstehen. Bei guter Verkehrslage sind wir in der Regel in zehn Minuten zu Hause.
An diesem Abend brauche ich unter fünf Minuten, bin froh, dass kein mobiler Blitzer unterwegs ist und stelle beim Aussteigen fest, dass der rechte Außenspiegel noch eingeklappt ist. Ups…egal, immerhin habe ich den Weg ohne Wehe geschafft, die kam punktgenau beim Aussteigen. Sofia ist sehr müde und ich bitte meinen Mann, sie ins Bett zu bringen. Die Wehen gehen regelmäßig weiter, aber ich muss sie noch nicht veratmen.
Ich stehe beckenkreisend am Fenster und nehme die Sache noch nicht ernst. Als mein Mann wieder ins Wohnzimmer kommt, kann ich mich besser entspannen, da das Kind ja jetzt schläft. Ich fange an, die Wehen mit einer App aufzuzeichnen. Die App sagt mir, dass die Geburt bald los geht. Ich lache die Erfinder der App im Inneren aus…nach drei Wochen Fehlalarm glaube ich einfach nicht daran.

Ich bin sehr müde, aber sitzen und liegen tut weh. Um mich wach zu halten, bitte ich meinen Mann, irgendwas auf Netflix an zu machen, bei dem man nicht nachdenken muss. Wir schauen ein bisschen und die Wehen bleiben unverändert. Meine Mama, die gerade mit meinem Einverständnis auf einer Ü30 Party ist (“entspann dich Mama, es geht sowieso wieder nicht los“), ist wie schon die letzten drei Wochen, mit ihrem Handy rufbereit und ich schreibe ihr, dass die Wehen regelmäßig sind, ich jetzt aber erstmal ins Bett gehe. Mein Mann kommt auch mit.
Ich liege vielleicht zwanzig Minuten schlaflos neben ihm und Sofia. Liegen ist einfach zu unangenehm, also gehe ich wieder ins Wohnzimmer. Ich weiß nicht so recht wohin mit mir. Sofa…stehen…rumlaufen…die Abstände der Wehen werden kürzer. Ich muss veratmen und zwar ordentlich.
Ich schreibe meiner Mama und sage ihr, dass sie sich am Handy halten soll. Dann hole ich meinen Mann aus dem Bett und rufe im Geburtshaus an, um Bescheid zu geben, dass wir kommen. Am Telefon erfahre ich, welche Hebamme Dienst hat und bin sooo erleichtert, als ich ihren Namen höre! „Gut dann mache ich mal die Heizung an“ sagt sie und ich rufe meine Mama drei Mal an, bis sie ran geht. „Du kannst jetzt kommen!“ Zehn Minuten später ist sie da und wir gehen zum Auto.

Durch den ganzen Organisationskram sind die Wehen seltener geworden, aber die Intensität lässt nicht nach. Es ist 01:00 Uhr. Wir kommen im Geburtshaus an und ich freue mich. Ich freue mich so sehr, dass es jetzt endlich los geht. Meine Hebamme notiert sich den Verlauf meines Abends und schaut dann nach den Herztönen. Ich laufe im Raum auf und ab, trinke viel und veratme meine Wehen. Mir ist übel, aber ich gebe alles, um nicht zu kotzen. Ich bin so schrecklich müde, kann aber nach wie vor weder sitzen, noch liegen. Ich bekomme ein Kirschkernkissen für den Rücken. Dann soll ich wieder Herztöne hören lassen.

Sie tastet nach dem Muttermund. Weich aber geschlossen. Dieses Ergebnis ist so ernüchternd für mich. Geschlossen?!?!? Meine Hebamme sagt, das hat nichts zu heißen und es kann sehr schnell gehen, wenn der Kopf drückt. Ich glaube in dem Moment, dass sie das nur sagt, um mich zu ermuntern. Sie erklärt uns, dass sie jetzt schon die zweite Hebamme ruft, weil sie sich mit den Herztönen unsicher ist. Ich bin ein wenig besorgt, fühle mich aber trotzdem noch sicher. Ich gehe Pipi machen und begrüße meine zweite Hebamme. Die beiden entscheiden, dass die Herztöne in Ordnung sind und besprechen sich kurz.

Ich fange an zu weinen und denke für einen kurzen Moment, dass ich jetzt noch die Chance hätte, in ein Krankenhaus zu fahren und mir eine PDA geben zu lassen. Die Wehen tun so weh.
Wie lange soll das noch dauern? Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr! Ich schaffe das nicht!
Diese Gedanken werden allerdings von der nächsten Wehe weg geschleudert. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten. Ich soll meine Hose und Unterhose ausziehen und unter mich wird eine Unterlage gelegt. „Da ist ja lauter Blut“ sage ich entsetzt, auf drei Tropfen Blut blickend.

Mein Mann muss mich in den Wehen von hinten stützen und ich muss sehr laut stöhnen. Dann soll ich mich auf den Geburtshocker setzen, damit nochmal getastet werden kann.

Der Muttermund ist offen. OK, das ging jetzt wirklich schnell! „Julia du brauchst einen Positionswechsel, damit sich dein Baby richtig ins Becken dreht. Wir legen dich jetzt auf die linke Seite aufs Bett“ sagt meine Hebamme. Ich weine und brülle „Neeeeeiiiiiin ich will nicht liiiieeeeegeeeeen!!!“ Denn liegen tut während den Wehen so verdammt weh!!! Trotzdem helfen die Hebammen und mein Mann mir sanf aber bestimmt in diese Position. Ich lasse mich drauf ein, denn ich bin nicht mehr in der Lage, zu entscheiden, was jetzt gut für mich und das Baby ist.

Ich bin dankbar dafür, dass meine Hebammen das erkannt haben. Kaum liege ich auf der Seite, kommt die erste Presswehe. „Du musst jetzt nach unten drücken, als hättest du ganz schlimm Verstopfung“ sagt meine Hebamme. OK, das bekomme ich hin. Ich drücke und meine Hebamme öffnet mit dem Finger die Fruchtblase. Das erleichtert. Puh, kurz durchatmen. OK, da kommt die nächste Presswehe. Ich weiß, dass da jetzt der Kopf kommt. Ich drücke. Und ich schreie „Oh meeeeiiiin Gooooott ich sterbeeeeeeee!!!!“ Meine Hebammen halten mir irgendetwas warmes an den Damm und das fühlt sich sooo gut an.

Ich drücke immernoch und atme schnell ein und aus. Da ist der Kopf. OK einmal noch dann ist sie bestimmt da. Ich werde instruiert, nochmal all meine Kraft zusammen zu nehmen. Das tue ich. Dann kommt die Wehe. Ich drücke und ziehe meinem Mann an den Haaren.

Und schwupp, da ist sie. Unsere Fiona. Es ist 03:25 Uhr. Waaas wie schnell ging das denn jetzt. Ich atme durch und Fiona wird mir auf die Brust gelegt. Ich bin ganz überrumpelt, aber völlig klar im Kopf. Ganz anders als bei Sofia, bei der ich völlig im Delirium von Schmerzmitteln, Antibiotika und nicht ausgeschlichener PDA war. Ich kann mich noch nicht entspannen, denn ich will jetzt bitte noch die Plazenta los werden, damit ich auch richtig fertig bin. Mit zwei Presswehen habe ich auch das geschafft.
Wir lassen die Nabelschnur auspulsieren und dann lassen die Hebammen uns alleine zum kuscheln und ankommen. Nach einer Weile kommen sie wieder und machen direkt neben mir im Bett die U1. Danach darf ich mich abduschen und soll Pipi machen. Klappt beides ohne Probleme, sogar der Kreislauf macht mit. Mein Mann zieht in der Zeit Fiona an und dann dürfen wir schon gehen.

Es ist 06:30 Uhr, als wir zu Hause ankommen. Draußen ist es warm und die Vögel zwitschern. Auf dem Weg vom Auto zur Haustür, sehen wir meine Mama am Fenster und winken ihr. Sie winkt total verwirrt zurück. Als wir reinkommen, kann sie es gar nicht glauben, dass wir schon wieder da sind.

Ein paar Wochen später habe ich ein Geburtsnachgespräch im Geburtshaus. Ich bekomme eine Kopie vom Protokoll und meine Hebamme liest es mir mit Erklärungen vor. Ich hätte schwören können, dass ich irgendwas vergessen habe, denn von Sofias Geburt weiß ich nur noch Bruchteile, die mir jedes Mal das Blut in den Adern gefrieren lassen. Doch ich kann mich tatsächlich an jedes Detail erinnern. Und das tue ich so gerne!

 

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