Zwei Striche, Panik und mein neues Leben

Da sitze ich nun. Stille um mich rum. Getümmel in mir drin.
Meine Gedanken überschlagen sich. Mein Hals schnürt sich zu.
Meine Augen sehen verschwommen zwei rosa Linien, die mein Leben veränderten. Ich sitze auf der Schultoilette. 14 Jahre alt.
Alles dreht sich.
Minutenlang sitze ich wie erstarrt und starre auf meinen positiven Schwangerschaftstest.
Wie kann das sein? Was mache ich jetzt? Wie soll ich das jemals irgendwem erzählen?
Mein Leben ist zu Ende. Ich weine. Ich schreie. Ich schnappe nach Luft.
Ich muss abtreiben. Jetzt. Sofort. Aber das geht nicht. Ich würde mir das nie verzeihen. Gespaltenes Gewissen. Stille und Schreie zugleich.
Panik kommt auf, wie nie in meinem Leben zuvor.
So etwas passiert doch nur den „Assis“. So etwas kann nicht mir passiert sein. Das geht doch nicht. Tausende Gedanken schossen mir durch den Kopf.
Ich versuche gerade, euch meine Panik an diesem Tag, im April 2015 zu verdeutlichen. Mir gelingt es aktuell nicht ansatzweise so heftig wie es mich getroffen hat.

Vorab möchte ich sagen, dass ich zu der Zeit drei Jahre in einer Beziehung war, welche noch weitere zwei Jahre halten sollte. Es war nicht geplant. aber auch KEIN unverantwortlicher “Party-Unfall” mit einem Unbekannten! Der Vater, mein schon ewig langer, fester Freund.
Und trotzdem war es ein riesen Schock, Ungläubigkeit. Mir hat es in diesem Moment den Boden unter den Füßen weg gerissen. Alles zum wackeln gebracht. Aber dieser Moment hat mich verändert. Jede einzelne Faser meines Körpers hat gezittert und gebebt. Tagelang.
Geweint habe ich durchgängig.
Diese Situation lässt sich einfach nicht ansatzweise so widerspiegeln, wie ich sie erlebt habe.
Was tut man als 14 jährige Schülerin, schwanger?
Wie ging ich damit um? Wie veränderte sich mein Leben? Was hat es aus mir gemacht?

Von meiner Familie kam, bis auf meiner Oma, kein Rückenwind. Keine warmen Worte. Keine Ermutigungen. Einzig und allein Ablehnung und Hass.
Abtreiben solle ich. Es wäre das EINZIG Richtige. Aber wäre es das gewesen? Habe ich das Recht? Aus meiner Sicht habe ich das nicht.
Ich bin für meine Taten verantwortlich und trage die volle Verantwortung.
Abtreibung ist Mord, meine Meinung.
Und ich könnte nicht mein Leben lang mit dem Gewissen Leben, mein Baby auf dem Gewissen zu haben, egal wie alt. Es ist meine Aufgabe alles für dieses Kind zu geben, egal, was es kostet.

Doch diese Aufgabe, alles zu geben, war unglaublich hart. Gedanklich und körperlich doch selbst noch ein Kind.
Freunde gingen. Mein Freundeskreis schrumpfte auf zwei Personen. Als Teenager unglaublich hart.
Ich habe mich einfach nur alleine – und im Stich gelassen gefühlt. Von Freunden und von meiner Familie. Allein meine “Schwiegerfamilie” war für mich da.
Warme Worte wie “Hey, gib nicht auf, du bist stark“, “Wir schaffen das”, “Wir werden das schon hinbekommen” und “Hab keine Angst, wir sind für dich da” haben mich beruhigt. In meinem Kopf ein einziges Karussell. Wochenlang hat sich alles nur gedreht. Ich war gezwungen, schlagartig erwachsen zu werden. Mir wurde sehr viel abverlangt, aber ich war bereit dazu. Ich wollte dieses Kind – und ich wollte ihm eine gute Mama sein!

Ich hätte niemals gedacht, dass ein Baby so enorm viel Organisation und Struktur bedeutet. Ich ging weiter zur Schule, mit dem festen Ziel, mein Abitur in ein paar Jahren anzustreben. Egal wie. Das war mein Ziel. Mir war klar, dass ich etwas erreichen musste, weil ich nun eine enorme Verantwortung hatte und von jetzt an immer haben werde.
Ich musste meinem kompletten Umfeld alles “gestehen” und jedes Mal habe ich mich gefühlt, wie bei einem Verhör. Ständig musste ich mich rechtfertigen und verteidigen, wieso ich denn überhaupt schwanger bin und wieso ich es behalte.
Mein Rektor empfahl mir einen Schulwechsel. Aber wozu? An jeder Schule wären die Reaktionen gleich gewesen. Meine Klassenkameraden akzeptierten es, aber begangen bald darauf, mich intensiv zu mobben.
Vielleicht auch verständlich, es ist nicht alltäglich und alles Außergewöhnliche ist heutzutage ein Grund für Mobbing. Aber ich hatte das ständige Gefühl, stark sein zu müssen. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr weinen zu dürfen. Und all das hat mir meine Situation nur erschwert.
Es ist verdammt hart, so früh schwanger zu sein. All das durchstehen zu müssen und dann auch noch nur negative Reaktionen zu erfahren. Die Hormone haben mir zusätzlich zugesetzt. Aber ich habe nie aufgegeben. Mein Ziel war, dieses Baby. Mein Baby. Ihm eine sichere Zukunft zu schenken und ein liebevolles, geborgenes Umfeld!

Doch mein Leben kam ins Wanken und ich konnte es nur mühsam aufrecht erhalten. Sehr schwer war diese Zeit.
Ich erfuhr erst in der 13. Woche von meiner Schwangerschaft. Der 24. Oktober 2015, der errechnete Geburtstermin und der Tag, der mein Leben verändern sollte.
Mit dem ersten Ultraschall bekam ich dann doch ein mulmiges Gefühl. Ich begann, alles Geschehene zu realisieren:
Da ist wirklich ein Baby.
Ein Baby in MEINEM Bauch.
Ich habe mir als festes Ziel vorgenommen, mein Baby groß zu ziehen.
Koste es, was es wolle. Ich konnte mir nicht vorstellen, dieses kleine Menschlein nach der Geburt zur Adoption frei zu geben. Es war für mich nie eine Option. Es gab keine andere Option, als es zu bekommen – und groß zu ziehen.
Doch konnte ich das umsetzen?
Dieses kleine Menschlein war so perfekt und vollkommen. Ein wohliges, stolzes Gefühl schlich sich ein und insgeheim genoss ich alle Kontrolltermine beim Frauenarzt – und bald darauf die ersten, zarten Tritte. Man konnte meinen, mit jedem Tritt veränderte sich mein Leben mehr.

Ich ging weiterhin aus, wie ein ganz normaler Teenager. Shoppen, natürlich fürs Baby. In Cafés natürlich auch. Quatschen. Tratschen. Auch das kann man schwanger und mir war es wichtig, meine Jugend nicht vollständig hinter mir zu lassen.
Geraucht und getrunken habe ich selbstverständlich nie, kein einziges Mal, während meiner Schwangerschaft.
Ich war mir meiner Verantwortung mehr als bewusst und bekam schnell Unterstützung von einem Vormund des Jugendamtes. Nicht, weil ich etwas falsch gemacht hatte, aber ich brauchte, aufgrund meiner Minderjährigkeit, einen Vormund für mein Baby, eine Unterstützung. Diese Verantwortung wollte ich einer neutralen Person überlassen.
Einer ganz tollen Frau! Sie hat MIT mir gearbeitet und nie gegen mich! Noch heute haben wir guten Kontakt, da über die Jahre eine Freundschaft entstanden ist.

Mein Körper war natürlich absolut nicht auf eine Schwangerschaft ausgerichtet. Ich bin sehr klein. Sehr früh kämpfte ich mit Kurzatmigkeit, durchgängig mit sehr schlimmer Übelkeit und Schwindel.
Ich wusste, worauf ich mich eingelassen hatte und doch war es hart. Weiter zur Schule zu gehen und mein Leben zu regeln.
Bis zur 25. Woche verlief meine Schwangerschaft, trotz hoher Risikoschwangwrschaft und Beschwerden, relativ unkompliziert ab.

Am 29. Juni bekam ich sehr plötzlich, ziemlich starke Wehen. Keiner konnte mir erklären, wieso so plötzlich. Trotz Wehenhemmer platzte meine Fruchtblase – und es kamen Unruhe und Panik auf.
Eine Zeit, an die ich mich sehr ungern erinnere. Diesen Tag habe ich kein bisschen als positiv empfunden und noch weniger positiv in Erinnerung. Mehrere Ärzte um mich herum und Gerenne auf den Gängen.
Um 23:10 Uhr wurde meine winzig kleine Tochter per Notkaiserschnitt geboren. Sie wurde mir wortwörtlich aus dem Bauch entrissen und weggebracht.
Ich bekam sie stundenlang nicht zu Gesicht.
Ihr Erzeuger durfte kurz zu ihr und brachte mir die erleichternde Nachricht, dass es ihr aktuell den Umständen entsprechend gut geht. Dies konnte – und sollte sich aber noch ändern. Zu erwarten bei einem Extremfrühchen und doch hat es mir erneut den Boden weggerissen! Ich konnte sie erst einmal nur durch ein Bild sehen und musste mit der ständigen Panik leben, dass sich ihr Zustand rapide verschlechterte.
Ich konnte kein Glück, keine Freude und keine Liebe empfinden.
Nur Panik und noch mehr Panik.
Leere in unseren Herzen.
Keinerlei Freude an diesem dramatischen Tag.
Ich habe mich sehr schwer getan.

Hoffnung war unser Weg, in diesen mehr als holprigen nächsten Monaten, als 14 jährige Mama eines Extremfrühchens.
In diesem Moment allein hat sich mein Leben um 360 Grad gedreht.
Nichts war wie es vorher war und es sollte auch nie wieder so werden wie vorher…

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