Zurück nach Hause

Ich möchte nicht fünfundzwanzig sein.
Ich möchte keine eigene Wohnung haben.
Ich möchte kein Kind haben.
Keinen Hund.
Keinen Führerschein.
Ich möchte keine Verantwortung übernehmen, ich möchte zurück nach Hause.
In mein Zimmer.
Wo die einzige Verantwortung war, mein Zimmer aufzuräumen und bisschen im Haushalt zu helfen. Mein Leben während meiner Jugend, während ich noch zur Schule ging.
Genau das ist es, wo ich mich manchmal wieder hin wünsche.

Ich schreibe darüber, wie schwer es für mich war – und immernoch ist, loszulassen.
Meine ganze Kindheit und Jugend über wohnte ich mit meinen Eltern und meiner Schwester zusammen. Einundzwanzig Jahre meines Lebens kenne ich diese elterliche, vertraute, sichere und geborgene Atmosphäre.
Die Zimmer über Jahre gleich verteilt, die Wohngegenstände über Jahrzehnte dieselben.
Die Routinen, der Alltag. 
Keine Selbstständigkeit, keine Verantwortung. So leicht, so einfach, so bequem.

Im Jahr 2015, mit einundzwanzig Jahren, bin ich von zu Hause ausgezogen. Ein Alter, in dem die Meisten ausziehen und selbstständig leben. Ich bin nicht nur diesen unfassbar schweren Schritt gegangen, mein Zimmer für immer zu verlassen, sondern ich war auch hochschwanger. Zwei unfassbar gravierende Dinge, die man im Leben erlebt. Normalerweise vergehen zwischen diesen beiden Schritten viele Jahre.
Die erste Erfahrung, meine Komfortzone zu verlassen.
Ich musste nicht nur mein zu Hause für immer loslassen, sondern im gleichen Moment selber Mama sein und vom ersten Tag an ein Baby in diesem Haushalt aufziehen. 
Wie es ist, alleine, oder mit meinem Partner zusammen zu leben, weiß ich nicht, diese Erfahrung habe ich nie gemacht.
Zur meiner aller ersten, eigenen Einrichtung gehörte also auch ein Babybett und ein Wickeltisch dazu, als wäre es das Normalste der Welt.

Heute haben wir Mitte 2019, es sind 4 ½ Jahre vergangen. Und inzwischen weiß ich, dass es vielleicht nie wirklich aufhört. Die Sehnsucht, zurück in Mamas Arm zu kehren.

Unsere Kindheit und Jugend, all das, was dazu gehörte zu Hause, hat unser Urvertrauen geprägt. Das Urvertrauen, das das Gravierendste ist, was wir in den ersten Jahren unseres Lebens lernen und festigen. Die Sicherheit, dass alles da ist, was man zum Überleben braucht. Durch Mama und Papa. Oder nur durch Mama, nur durch Papa.
Bis wir loslassen müssen, bis wir uns abnabeln müssen. Das muss jeder Mensch, der fähig ist, eigenständig zu leben. Jeder von uns muss sich irgendwann abnabeln von zu Hause und die Verantwortung des Lebens kennenlernen. 

Auch wenn es immer wieder sehe, sehr wehtut und ich manchmal weinen muss vor Sehnsucht, bin ich froh, diesen Schritt geschafft zu haben, eigenständig eine Routine aufzubauen, ich bin froh, erfahren zu haben, wie es ist, ohne Eltern mehrmals umzuziehen, sogar mit Kind. Die Eltern immer als Hilfe und Stütze, aber nicht mehr als Verantwortliche.
Ich weiß, was dazu gehört, wenn man eine Wohnung mietet, ich weiß, was es bedeutet, eine Wohnung zu mieten, die Verantwortung, die dahintersteckt.

Ich habe es beim aller ersten Anlauf geschafft, in einer super Alter, mit einundzwanzig Jahren und mit einem Baby. Ich kenne so viele Menschen, die all das noch nicht kennengelernt haben. Weder einen eigenen Haushalt, noch ein Kind.

Und ich kann jedem sagen, der diese Vertrautheit zu Hause am liebsten niemals loslassen möchte: Es muss passieren. Der Schritt ist wichtig und öffnet so viele neue Möglichkeiten und Erfahrungen. Es ist ein großer Reifeschritt und irgendwann ist es so oder so an der Zeit, sein eigenes Leben zu beginnen.
Es wird immer komisch sein, es werden immer Phasen kommen, in denen man alles hinschmeißen – und aufgeben möchte, das geht mir 4 ½ Jahre später immernoch so.
Aber das ist in Ordnung, weil es eben die prägendsten Erfahrungen sind, die wir loslassen.
Es ist kein Zeichen, zurückzukehren.

Jeder Tag ist neu für mich, jeden Tag überlege ich aufs Neue, wie das nun eigentlich alles funktionieren soll. So oft kann ich nicht mehr, will ich nicht mehr. Möchte aufgeben und einfach zurück in mein altes Leben.
Ich bin keine Heldin und nicht perfekt. 
Aber ich gehe weiter und nicht zurück.

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