Mehr als ein Jahr

Am 12. Oktober 2018 bin ich in ein Loch gefallen. Irgendwas in mir ist gestorben, ich habe nichts mehr gefühlt, außer Leere.
Dieser Schmerz hat mir alles an Energie genommen, er hat mich in die Knie gezwungen, ich habe noch nie so etwas Erdrückendes gespürt, wie ab diesem Tag. Zu realisieren, es akzeptieren zu müssen, dass du gegangen bist, ich war so ohnmächtig, nicht mal fähig, zu weinen. 
Ein unfreiwilliger Verlust – ob durch Trennung oder Tod – ist eines der schlimmsten Dinge, die man akzeptieren- und damit umzugehen lernen muss. 
Man muss, scheiß egal, ob man will.
Ich habe dich so geliebt.

Als du am 12. Oktober 2018 ins Auto gestiegen- und das letzte Mal an mir vorbei gefahren bist, ist alles in mir erkaltet. Ich habe dir vor einigen Jahren mein Herz in die Hand gegeben, du hast es an dem Tag einfach mitgenommen.
Das Erste, was ich nach unserer Trennung getan habe, war, mir einen Psychologen zu suchen, denn ich wusste, wenn ich keine Hilfe bekomme, werde ich nur noch fallen. Eine Woche später hatte ich schon den ersten Termin, heute bin ich bereits seit einem Jahr und drei Monaten in Therapie.

Du hast schon in den Wochen vor der Trennung gemerkt, dass ich mit jeder Faser meines Körpers verzweifelt gekämpft habe, bin über meine Grenzen hinaus gegangen, um eventuell nur ansatzweise irgendwas zu retten. Ich hätte es mir nicht verzeihen können, auch nur eine Möglichkeit nicht genutzt zu haben. Ich habe es nicht geschafft, ich habe versagt.

Wochenlang warst du abends mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen, ich habe versucht, zu weinen, diesen Schmerz irgendwie raus zu lassen, mir selbst zu beweisen, dass ich lebe und dass das Weinen vielleicht hilft, aber es ging nicht. Ich konnte nicht weinen. Nachts habe ich von dir geträumt, nicht immer dasselbe, aber meistens genau das, was ich mir so sehr gewünscht habe: Dass du zurückkommst.

Jeden Morgen warst du mein erster Gedanken und dass dieser Albtraum wahr ist und in derselben Sekunde war der Tag für mich gelaufen. Stundenlang bin ich vormittags draußen im Park gerannt, das war wie ein Ventil, ich musste mich bewegen, konnte keine Sekunde stillsitzen. Ich habe wochenlang nichts gegessen, bis meine ganze Kleidung lose an mir herunterhing. Jede verdammte Sekunde habe ich an dich gedacht, es war, als würden diese Gedanken das Einzige sein, was mich am Leben hielt. 
Ich wollte dich nicht vergessen, ich wollte nicht, dass du mir fremd wirst, ich hatte Angst davor, du hast so sehr in meinem Leben gesteckt, ich habe dich so geliebt.

Von Tag zu Tag wurde mir bewusster, dass du nicht zurückkommst. Dachtest du überhaupt noch an mich? Ich war ohnmächtig, wollte so gerne in die Zukunft sehen, ob du wirklich für immer gegangen bist, oder ob ich irgendwann aus diesem Albtraum erwache.

November 2018, Dezember 2018, die Wochen vergingen, du hattest Geburtstag, ich hatte Geburtstag, ich habe nur Leere gespürt und jede Sekunde an dich gedacht, jede Nacht von dir geträumt.
Es war so anstrengend.
Du kommst nicht zurück, dieser Zeitabstand ist zu lang, es ist ein anderes Muster als früher. 
Früher hat es sich anders angefühlt, du hast Kontakt gesucht oder mich zumindest in meiner Freiheit eingeschränkt, was in diesen Phasen ein Zeichen deiner Zuneigung war für mich.
Es ist vorbei.

Der 12. Januar 2019 war der Tag, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Bei meinem täglichen Überprüfen des Spam-Ordners auf Mails von dir, blieb mir an diesem Tag das Herz stehen. Eine Mail mit deinem Namen als Absender.
In der Sekunde hat es sich angefühlt, als wenn mein Körper plötzlich alle Emotionen fühlen konnte, die mir in den letzten Wochen gefehlt haben.
Als wenn ich wieder zum Leben erweckt wurde. Wie konnte das passieren, wie gering war diese Chance?
Du wolltest ein Treffen, dich mit mir aussprechen und verdammt, du wolltest einen Neuanfang.
Ich lebte. Ich habe mich so lebendig gefühlt, wie lange nicht mehr. 
Ich liebte dich immernoch. So sehr.

Drei Wochen später war es vorbei.
Ich war ohnmächtig. Es war zu schön, um wahr zu sein.
Diese „zweite Trennung“ hat alles auf Werkeinstellungen zurückgesetzt. Jede Nacht träumte ich von dir, jeden Morgen bin ich mit Gedanken an dich aufgewacht.
Es war anstrengend, diese Sehnsucht hat mich nur noch betäubt.
War das normaler Liebeskummer? Oder emotionaler Entzug?
Meine Gedanken drehten sich um dich, Tag für Tag, jede Minute.

Februar 2019, März 2019, April 2019, Mai 2019…innerhalb dieser Monate habe ich dich ein einziges Mal zufällig gesehen. Du hast nicht in meine Richtung geschaut.
Mein Herz setzte aus, ich habe dich so geliebt. 
Ich bin umgezogen, war abgelenkt, trotzdem habe ich jede Nacht von dir geträumt, wie konnte man das nur abstellen?
Es war so anstrengend, ich hatte den ganzen Tag Angst vor dem Schlafengehen abends.

Juni 2019, Juli 2019….und dann der Tag, der 2. Juli 2019, an dem dein Name bei meiner täglichen Spam-Mail-Routine über einer Mail als Absender stand. Ich konnte es mal wieder nicht glauben. Wie sehr habe ich mir das gewünscht, was da in der Mail stand.
Wie sehr habe ich dieses Gefühl von Leben gebraucht, das ich spürte, als ich diesen langen Text von dir las. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, denn die gescheiterte Annäherung im Januar hat einen Stachel hinterlassen.

Nach einigen Wochen E-Mail-Kontakt war es wieder vorbei.
Es war meine Schuld, ich hätte es nicht zulassen dürfen.
Ich habe dich so geliebt.

Diesmal vergingen nur wenige Wochen, da kam die nächste Mail von dir und kurz darauf saßt du mir gegenüber. Ich wusste nicht, dass man mit solch einer Nervosität und solch einem schnellen Herzschlag noch am Leben bleibt.
Wir wollten also Missverständnisse klären, reden, diesmal intensiver.
Unsere Trennung war nun ein Jahr her. 
Der 12. Oktober 2019 und kein Schritt weiter, weder in die Eine- noch in die andere Richtung. Dieser innerliche Schmerz und der Kummer haben mich manchmal einfach umgehauen. 
Immerhin konnte ich schon lange wieder weinen, hab mich dran gewöhnt, dass es einfach nur wehtut, Tag für Tag, seit einem verdammten Jahr.

Eine Sache war beständig, bei uns beiden. 
Das, was im Herzen war, du hast es mir geschrieben.
Ein Jahr nach der Trennung.

Im November 2019 war der Kontakt vorbei.
Du hattest Geburtstag, ich hatte Geburtstag, ich habe nur Leere gespürt und jede Nacht von dir geträumt.
Immernoch innerlich einfach erkaltet.

31. Dezember 2019. Silvester.
Eine Nachricht von dir. Ich habe sie nicht geöffnet.

…und drei verdammte Wochen später sitzen wir zusammen an der Ostsee.
Ein fucking Tanz durch Himmel und Hölle, mehr als ein Jahr.
Wenn du wüsstest.

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